Zwischen Neurowissenschaft und Tanz

Freitag 24. November 19 Uhr - die 200 Sitzmöglichkeiten des Probensaals der Universität der Künste sind erschöpft, so dass die letzten Gäste über die Seitentreppe auf die offene Galerie geführt werden, um die Auftaktveranstaltung der »Hybrid Encounters. Kunst trifft Wissenschaft« von oben zu verfolgen. Ein wenig verspätet eröffnen Nina Horstmann von der Hybrid Plattform und Dr. Katja Naie von der Schering Stiftung die ersten Encounters, bei denen Künstler und Wissenschaftler einen gemeinsamen Abend gestalten.

Heute geht es um die Frage, wie Körper und Gehirn beim Tanz zusammen wirken. Eine spannende Frage, der sich angenährt werden soll durch die Performance »Figuring« von einer der einflussreichsten Choreografinnen Großbritanniens Siobhan Davies mit Helka Kaski und durch das anschließende Gespräch mit dem Neurowissenschaftler und Direktor des Max Planck Instituts für Kognitions- und NeurowissenschaftenProf. Dr. Arno Villringer.

Warum sollte Tanz überhaupt in Verbindung mit Neurowissenschaft betrachtet werden? Warum hängen diese beiden, scheinbar soweit voneinander entfernten Disziplinen doch zusammen? »Weil wir alle einen Körper haben, das ist unser gemeinsames Ding. Und wir alle denken, auch das ist uns allen gemein«, so Siobhan Davies. Sicherlich bin ich nicht die Einzige im Saal, die dank Siobhans beruhigender und liebvoller Art zu sprechen und zu gestikulieren das Gefühl hat, wir alle würden irgendwie näher zusammenrücken.

Konzentrierte Stille macht sich im Probensaal breit, als Siobhan und Helka nebeneinander auf zwei Stühlen Platz nehmen, die Augen schließen und erst einmal nur da sitzen. Simultan und fließend sind die Bewegungen der folgenden 10 Minuten, die mich als Zuschauerin in einen Fluss ziehen.

Was passiert, wenn wir tanzen? Der Körper bewegt sich und während Siobhan und Helka diese Bewegungen ausführen, abstrahiert Prof. Dr. Arno Villringer die dabei entstehenden emotionalen und neuronalen Aktivitäten unseres Gehirns. Herr Villringer beschreibt diese Gehirnaktivitäten als Rhythmen, die stark bestimmen, wie wir uns verhalten, wie wir uns bewegen.

Die Performance »Figuring« zeichnet sich dadurch aus, dass Bewegungen minimiert und verlangsamt werden und die Tänzerinnen nicht voneinander wissen, welche Bewegung die jeweils Andere ausführt. Das macht sie vor dem Hintergrund der »Encounters« spannend, da sie die Interaktion zwischen Geist und Körper darstellt.

Siobhan gefällt die Idee »den Körper als ein Event zu verstehen, als Kombination aus Erinnerung, aus Geschichten, aus Gedanken und Energie, der Körper ist Physik und Emotion. Wir haben keinen Körper, wir sind ein Köper und dieser Körper ist ein Event.«

In der Neurowissenschaft hingegen wird davon ausgegangen, dass wir uns nicht jeder Bewegung bewusst sind. Oft tun wir etwas, ohne genau darüber nachzudenken, was und wie wir es machen, ob wir uns überhaupt bewegen. Prof. Dr. Arno Villringer unterstreicht, dass dieses von Siobhan Davies beschriebene Gefühl ein Körper zu sein entsteht, je mehr wir uns unserer Bewegung bewusst sind. Nur in diesen Momenten besteht eine direkte Verbindung zwischen Körper und Geist, zu einer Gesamtheit.

Der circa einstündige Dialog zwischen Neurowissenschaft und Tanz, zwischen Körper und Geist, zwischen Kunst und Wissenschaft hat beantworten können aber auch, wie das anschließende Gespräch mit dem Publikum zeigte, viele neue Fragen aufgeworfen. Vor allem aber hat es inspiriert, zum Nachdenken angeregt und lässt mich bei dieser Reflektion des vergangenen Freitagabend in freudiger Erwartung auf das nächste »Hybrid Encounters. Kunst trifft Wissenschaft« zurück.

- Rosa