Urlaub und politisches System

Tourismusforschung in der DDR – das Historische Archiv zum Tourismus der TU Berlin bietet auch Einblicke in das Freizeitverhalten im Osten Deutschlands vor der Wende.

Raus aus dem Alltag, Freizeit, Freiheit. Das verstehen wir heute unter Urlaub. Doch Urlaub war ursprünglich die »Erlaubnis«, sich aus dem Dienst zu entfernen, von der Truppe oder vom Fürstenhof und wurde nur Menschen gewährt, die überhaupt in höheren Diensten standen. Erst in der Zeit der Industrialisierung wurde Urlaub für alle kontinuierlich von den Gewerkschaften erstritten, entwickelte sich im 20. Jahrhundert zum Massentourismus, bekam den heutigen Sinn als »bezahlte Freizeit zum Zwecke der Erholung« und wurde sogar zum Forschungsgegenstand. Nur wenig Aufmerksamkeit hat die historische Forschung bislang allerdings der Tourismusentwicklung und -forschung in Ostdeutschland vor der Wende geschenkt. Nun veröffentlichte Prof. Dr. Hasso Spode, Historiker und Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus der TU Berlin (HAT), zusammen mit seiner Mitarbeiterin Dr. Gerlinde Irmscher eine Untersuchung mit neuen Erkenntnissen zum Thema.

»In der DDR war das Recht auf Urlaub seit 1949 verfassungsrechtlich verankert als Erholungszeit für die Werktätigen«, so Tourismusforscher Prof. Dr. Hasso Spode, Leiter des weltweit einzigartigen Historischen Archivs zum Tourismus (HAT) an der TU Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung des Tourismus und ist Herausgeber mehrerer Fachzeitschriften zum Thema. »Bereits 1947 war der ‚Feriendienst des FDGB, des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes‘, gegründet worden. Er verstaatlichte die alten Kur- und Ferienanlagen und errichtete zugleich neue ausgedehnte Urlaubsheime.« Urlaub sei zwar für jedermann erschwinglich gewesen, selbst Fernreisen seien möglich gewesen – in die »sozialistischen Bruderländer«, zum Beispiel an das Schwarze Meer, an den Plattensee oder nach Prag – doch insgesamt sei die Ortsauswahl beschränkt gewesen. Nicht umsonst wurde schließlich »Reisefreiheit« das Wort des Wendejahres 1989.

Urlaub als Teil der Planwirtschaft

Die allgemeine Tourismusforschung nahm ihren Anfang um 1930 herum in Berlin. In der DDR erreichte sie während des Kalten Krieges einen beachtenswerten Umfang, der sich an die Forschung im »kapitalistischen« Teil Deutschlands anglich. Ursprünglich spielten theoretische Fragen eine prominente Rolle, doch dann – wie im Westen – wurde Tourismusforschung eine streng angewandte Disziplin. Sie wurde Teil der Planwirtschaft und fokussierte sich auf den staatlichen sozialen Tourismus: »Urlaubmachen galt als Mittel, die Gesundheit der ‚Arbeiter und Bauern‘ durch Erholung zu verbessern und – unausgesprochen – als Mittel, das politische System zu stabilisieren«, erklärt Hasso Spode. »So wurde das ‚Urlaubmachen‘ zum Kernstück der Konsumpolitik – wie bereits in der Nazi-Zeit.« Die Forschung habe die Lenkung und Expansion des »Erholungssystems« erfolgreich unterstützt.

Dennoch wuchs schließlich in der DDR die Nachfrage schneller als das Angebot und, noch schlimmer, die Menschen blieben abgeschnitten vom glitzernden Westen. So erreichte, trotz breiter Förderung und einer sehr hohen Reiseintensität, die Unzufriedenheit mit den Reisemöglichkeiten ein Niveau, das nicht unerheblich zum Kollaps der DDR 1989 beitrug. Professor Hasso Spode: »Tourismusforscher hatten im Vorfeld vor der wachsenden Flut der Unzufriedenheit gewarnt und ließen keinen Stein auf dem anderen – umsonst.«

Das Tourismusarchiv der TU Berlin (HAT) wird gemeinsam vom Center for Metropolitan Studies und dem Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU Berlin getragen und von der Willy-Scharnow-Stiftung für Touristik, Frankfurt a.M., und der ITB Berlin finanziell unterstützt.  Es umfasst unter anderem mehr als 600 Regalmeter an gedruckten und ungedruckten Materialien zum Thema und ist für die Öffentlichkeit zugänglich (nach Vereinbarung).

Der Artikel ist zu finden in: Spode, H., G. Irmscher (2017) Tourism research in the German Democratic Republic. European Journal of Tourism Research 15, pp. 52-63, 2017 Varna University of Management Internet.