Hybrid Thoughts: Räume in der Kunst

Image Hallway Alexandra Ranner

© Alexandra Ranner, Bildfindungsprozess für den Film »Flur«, 2016.

Für die neuste Ausgabe unserer Hybrid Thoughts konnten wir die Künstlerin und UdK Professorin Alexandra Ranner gewinnen. Wer bei unseren letzten Hybrid Talks »Raum entwerfen« dabei war, der weiß bereits, wie sie mit der Wirkung von Räumen arbeitet. Nun lässt sie uns noch genauer daran Teil haben, welche Arbeitsschritte sie geht, welche Werkzeuge sie benutzt und wie das Zusammenspiel von Räumen und Gesellschaft funktioniert.

Die Räume für meine Fotografien und filmischen Rauminstallationen entstehen in einem mehrstufigen Transformationsprozess, in welchem verschiedene bildgebende Verfahren zum Einsatz kommen. Zunächst baue ich Modelle, analog und aus verschiedenen Materialien. Danach fotografiere ich die Modelle und entwerfe auf der Basis dieser Fotografien weiterführende Modelle, welche dann wieder fotografiert werden.

Der fotografische Blick stellt ein wesentliches Zwischenstadium dar und dient als Werkzeug, den emotionalen Ausdruck des Motivs zu verdichten: Bildausschnitt, Perspektive, fotografische Verzerrungen, Farbverfälschungen, Überbelichtungen, Unterbelichtungen werden als atmosphärische Bildelemente beim weiterführenden Modell mit einbezogen, indem sie in eine gebaute Realität rücküberführt werden. Diese künstlerische Transformation und das Material überformen das jeweilige Raum-Motiv mit einer Künstlichkeit, die eine spezifische und ambivalent konstruierte Ausdrucksqualität entwickelt, dadurch entsteht ein stark verfremdendes Moment.

Neben diesen praktischen Werkzeugen mache ich mir die Gesprächigkeit der Dinge zunutze. Ich betrachte Räume und die Dinge in ihnen von ihrem narrativen Potenzial her und versuche, die Narration entweder zu intensivieren oder zu konterkarieren.

Es gibt meiner Meinung nach fast keine Dinge, die nicht mit einer emotionalen Bedeutung oder einer Assoziation aufgeladen sind. Ob bewusst oder unbewusst – wir müssen die Objekte unserer Wahrnehmung interpretieren. Wir deuten die Gestalt und suchen nach dem Ausdruck der Dinge. Menschen ertragen es nicht, dass ihnen die Dingwelt fremd ist. Sie versuchen ihr durch kognitive Auslegung und emotionale Aneignung näher zu kommen.

Gleichgültig, ob es sich um expressive Formenfülle oder minimalistische Reduktion handelt – die Dinge wecken und bewegen unsere Gefühle und Gedanken. Sie sprechen von Selbstbewusstsein, Zerbrechlichkeit, Aggressivität, Größenwahn, Selbstgenügsamkeit, Macht, Lebensfreude, Einsamkeit, Offenheit, Hass, Fröhlichkeit, Strenge, Selbstverleugnung, Pragmatismus, Gemütlichkeit, Trägheit, Wildheit, Introvertiertheit, Leichtigkeit, Ängstlichkeit, Verstümmelung, Humor, Ironie und meist von einer komplexen Mischung aus all diesen Elementen.

Auch das Material spricht zu uns. Die stoffliche Erscheinung der Dinge besitzt ein eigenes Wesen und eine eigene Selbstgewissheit, die sich nicht wegdiskutieren lässt. Die Objektwelt hat einen prägenden Ausdruck und deshalb eine emotionale Wirkung.

Genau aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass Räume direkte Auswirkungen auf Menschen und damit auf die Gesellschaft haben. Dinge, Materialien, Oberflächen, Lichtstimmungen transportieren Bedeutungen und sind in ihren Konstellationen raumbildend. Sie steuern in einem starken Maße die Raumwahrnehmung und Raumempfindung. Räume können selbstbestimmtes Handeln, freies Denken und intensives Empfinden fördern, aber auch verhindern. Unsere Anstrengungen sollten darauf zielen, Ideen von Raum als Lebensraum freizusetzen, in dem elementare Aspekte unseres Lebens, über räumliche Strukturen vermittelt, realisiert werden können.

– Prof. Alexandra Ranner

Prof. Alexandra Ranner ist bildende Künstlerin in den Medien Skulptur, Film, Fotografie und Installation und seit 2007 Professorin für Plastische und Räumliche Darstellung im Studiengang Architektur an der Universität der Künste.